Die Frau in Rot. Mein Küchentisch und ein bisschen mehr Freiraum.


Auf meinem Küchentisch steht ein Bild. Eine Frau in einem roten Kleid, mit Hut und türkisfarbenem Hintergrund.
Ich nenne es „Frau in Rot“.
Ihre Augen sind nicht wirklich zu erkennen, nur angedeutet. Vielleicht könnte es deshalb jede Frau sein.
Für mich strahlt sie Klarheit und Selbstbewusstsein aus. Sie trägt ein auffälliges rotes Kleid und steht zu sich und ihrer eigenen Schönheit. Sie weiß, was sie will.
Sie muss sich nicht groß erklären. Und schon gar nicht rechtfertigen.
Wenn ich morgens mit meinem Kaffee am Küchentisch sitze und sie anschaue, erinnert sie mich daran, zu mir selbst zu stehen. Entscheidungen zu treffen, auch mutige. Und dabei klar zu bleiben.
Genau deshalb steht dieses Bild dort, wo ich es jeden Tag sehe.
Aber dass es überhaupt dort stehen kann, war nicht immer selbstverständlich.
Mein Küchentisch war eine Ablage für alles

Mein Küchentisch war nämlich lange Zeit eine Ablagefläche für so ziemlich alles.
Post, Lebensmittel, Geschirr, Flaschen und Dinge, die ich gerade nicht wegräumen wollte oder für die es keinen richtigen Platz gab.
Kennt ihr das? Man legt etwas kurz ab, weil man es später noch braucht. Dann kommt das Nächste dazu. Und irgendwann ist der Tisch voll.
Dabei ist dieser Tisch für mich besonders wichtig. Meine Küche ist klein und ich habe dort keine andere Arbeitsfläche, auf der ich auch mal etwas vorbereiten, sortieren oder erledigen kann.
Und eigentlich wollte ich dort auch einfach nur sitzen, meinen Kaffee trinken und mich wohlfühlen. (Ein bisschen Loriot lässt grüßen …)
Erst einmal alles raus
Angefangen habe ich mit den Küchenschränken. Ich habe sie komplett ausgeräumt, Lebensmittel kontrolliert, alte Dinge entsorgt und überlegt, was ich tatsächlich brauche und wie ich es am besten unterbringen kann.
Nudeln und andere Lebensmittel habe ich in Gläser gefüllt. Die Schränke habe ich so neu eingeräumt, dass ich möglichst alles sehen und schnell erreichen kann.
Und dabei habe ich etwas gemacht, das ich früher eigentlich für ziemlich übertrieben hielt: Ich habe angefangen, Körbe, Kisten und Behälter zum Sortieren zu benutzen.
Warum sollte man Dinge, die sowieso schon in einem Schrank stehen, auch noch in Kisten packen?
Mittlerweile weiß ich, warum.

Ich habe zum Beispiel keine Besteckschubladen in meiner Küche. Also habe ich vorhandene Körbe genommen und das Besteck darin sortiert. Die Körbe stehen jetzt im Einbauschrank und ich kann alles schnell herausnehmen.
Im Keller habe ich außerdem eine alte Holzkiste gefunden. Die benutze ich inzwischen für meine Putzmittel. Wenn ich etwas brauche, ziehe ich die Kiste heraus und habe alles im Blick.
Keine große Anschaffung. Keine aufwendige Lösung. Aber für mich funktioniert es.
Nach und nach hat so ziemlich alles in meiner Küche einen festen Platz bekommen.
Und damit war plötzlich auch mein Küchentisch wieder frei.
Ein freier Tisch verändert mehr, als man denkt
Seitdem stelle ich alle paar Wochen etwas anderes auf meinen Tisch.
Nur einen Gegenstand, der mir gefällt, mich an etwas erinnert, mich inspiriert oder vielleicht auch in eine bestimmte Stimmung versetzt.
Im Moment ist es die Frau in Rot.
Natürlich benutze ich den Tisch weiterhin. Ich bereite Essen zu, stelle Dinge darauf ab, arbeite daran oder räume gerade wieder etwas um.
Und ja, manchmal bleibt auch etwas länger liegen. Das kommt vor und ist für mich völlig in Ordnung.
Aber inzwischen räume ich den Tisch meistens gleich wieder frei.
Nicht, weil ich mir vorgenommen habe, dass er immer perfekt aussehen muss.
Sondern weil ich weiß, wie schön es ist, dort zu sitzen, meinen Kaffee zu trinken und nicht ständig von irgendwelchen Dingen abgelenkt zu werden.
Das Freiräumen ist inzwischen zur Gewohnheit geworden. Und weil die meisten Dinge ihren Platz haben, geht es auch viel schneller als früher.
Ordnung, die für mich funktioniert. Und die mir gefällt.
Mein Küchentisch braucht übrigens dringend eine Überarbeitung. Ich möchte ihn irgendwann abschleifen und neu versiegeln.
Aber das hat noch Zeit.
Ich muss nicht alles auf einmal schaffen.
Was ich geschafft habe, ist etwas anderes: Ich habe meine Küche so organisiert, dass sie für mich im Alltag besser funktioniert.
Und ich fühle mich seitdem richtig wohl darin.
Mir reicht es allerdings nicht, wenn eine Ordnung nur praktisch ist. Ich möchte mich in meinen Räumen auch wohlfühlen. Ich möchte Dinge sehen, die mir gefallen, mich inspirieren oder mir etwas bedeuten.
Und genau dafür brauche ich Platz.

Mein Küchentisch ist heute nicht frei, weil dort nichts stehen darf.
Er ist frei, weil ich weiß, wofür ich diesen Platz haben möchte.
Im Moment ist es ein Bild, das mich jeden Morgen daran erinnert, selbstbewusst meinen eigenen Weg zu gehen. Oder diese alte Waage, die mich an meinen verstorbenen Bruder erinnert. Die Waage fand er schön. Ich auch.
Und natürlich eine Tasse Kaffee.
Susanne Pasquay
COURAGE FREIRAUM by SuPa – Mehr Freiraum für das Wesentliche.



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